Sportler des Monats - Michael Hockenjos
| Datum 03.08.07 Autor Andreas Stockmann | ||||||||||
Interview mit Michael Hockenjos, Fragen von Marius Maissen Hallo Michael, es freut mich, dass Du Dich zu diesem Interview bereit erklärt hast und wir Dich als Sportler des Monats vorstellen dürfen. Bitte stelle Dich kurz vor. - Hallo, ich bin Michael Hockenjos. Ich wohne im Südwesten Deutschlands und bin 31 Jahre alt.Du giltst als einer der Pioniere der deutschen Grapplingszene. Erzähle uns doch einmal, wie das alles begonnen hat mit dem Grappling und Dir. - Ich wollte schon als Kind kämpfen lernen, hatte aber leider nicht die Gelegenheit dazu. Nach 16 Jahren Handball beschloss ich meinen Kindheitstraum wahr zu machen und trotz Vorurteilen anderer zum Kampfsporttraining zu gehen. - Ich habe mit dem Handball aufgehört, da ich beim Kampfsport zum ersten Mal Sportlichkeit und Fair Play nicht als Ausnahmeerscheinung erlebt habe. Zu der Zeit war mir nichts zu viel und ich wollte alles lernen, auch artverwandte Sportarten wie Judo und Ringen. Ich versuchte die wenigen Seminare und Wettkämpfe in Europa zu besuchen und Erfahrungen zu sammeln. Wir fuhren damals für ein Seminar 5 Stunden (ein Weg), für Wettkämpfe 7 Stunden und wurden von anderen ausgelacht wie blöd wir doch seien...- Mein Engagement führte auch dazu, daß ich zu den Gründern eines Brazilian Jiu-Jitsu Verbandes berufen wurde. Ich hatte das Amt des Schriftführers und erledigte meine Aufgaben mit voller Motivation und versuchte den Sport, unser Team und mich voran zu bringen.Welches sind deine wichtigsten Erfolge im Grappling? Das ist natürlich das King of the mat. Zwar ist das nur ein kleines Turnier, aber es hat einfach den geilsten Namen. Unter anderem war ich einmal Vizeeuropameister im BJJ, mehrfacher internationaler deutscher Meister im BJJ und deutscher Meister im Luta-Livre. Wie baust du deine Lektionen auf, auf was achtest du im Besonderen bei der Ausbildung deiner Schüler? Zuerst erwärmen wir die Muskulatur indem wir uns warmlaufen. Danach werden Drills mit dem Partner gemacht. Diese schulen spezielle kampfrelevante Bewegungen und können auch als Gefühlstraining gemacht werden. Wenn der Körper auf Temperatur ist machen wir Stretching, Yoga Asanas und Koordinationsübungen um das Körpergefühl zu verbessern und den Körper vor Verletzungen zu schützen. Wenn ich ein hartes Aufwärmtraining machen will, stehen Partnerübungen, z.B. mit Ausheben auf dem Programm. Wenn die Jungs ins schwitzen kommen sage ich Trinkpausen an, in denen die Sportler verschnaufen können und der Puls wieder runterkommen kann. Dann geht es zum Technikteil. Manchmal zeige ich Takedowns (Judo, Ringen, Sambo) weil ich denke, daß zwar 90% der Kämpfe am Boden enden aber über 90% im Stand anfangen. Danach geht es an den Boden. Dort zeige ich Techniken die zunächst ohne, anschliessend mit Wiederstand geübt werden. Oft üben wir die Techniken anschliessend auch als Positionssparring, d.h. es wird nur in einer bestimmten Postion mit vollem Wiederstand gekämpft. Kommen z.B. beide in den Stand beim passieren der Guard, so gehen beide wieder in die Ausgangsposition und beginnen von vorne. Anschliessend gibts wieder ne Pause um sich für den Freikampf fertig zu machen. Hier werden alle Techniken gegen alle Teilnehmer im Training getestet und bei Bedarf korrigiert. Alle müssen am Sparring teilnehmen, sofern sie nicht verletzt sind. Die Effektivität des BJJ kann durch Sparring und Wettkampf überprüft werden und gehört für jeden zum Training dazu. Ich lege größten Wert darauf, daß man verantwortungsbewusst mit dem Partner umgeht, da bei unkontrollierten Aktionen schwere Verletzungen entstehen können. Wer koordinative, oder sensitive Defizite hat wird von mir angehalten langsamer zu kämpfen um sich und seinen Partner nicht zu gefährden. Ich mag es nicht wenn jemand nicht verlieren kann und andere aus Angst und falschem Stolz verletzt. Ich liebe Jiu-Jitsu und verstehe es als the "art of the little man". Das heisst man muss kein Muskelprotz sein um erfolgreich kämpfen zu können. Man kann die Techniken für jeden Körper für jedes Geschlecht und nahezu jedes Alter zum funktionieren bekommen. Und genau das ist es was ich versuche. Ich versuche das vorzumachen und ich möchte auch, daß meine Schüler das nachmachen. Ich will nicht, daß meine Leute mit Holzhacker oder Kraft Jiu-Jitsu glänzen. Sportlichkeit, Fairness, gegenseitiges Helfen beim Lernen wie bei den moralischen Prinzipien des Judo...Natürlich sollte man sich gegen die Holzhacker und Kraftmeier behaupten könnenDein Spitzname Maluco sagt bereits, dass du ein verrückter Hund bist. Wie ist es zu diesem Spitznamen gekommen und was bedeutet er genau? Den Spitznamen bekam ich in Rio 2001, als ich Geld umtauschen wollte. Der gute Mann in der Wechselstube hat sich lautstark amüsiert als er mein Passfoto gesehen hat und die ganze Zeit Maluco geschrieen. Da mich die meisten für seltsam oder verrückt halten und Maluco genau das bedeutet habe ich den Namen beibehalten, obwohl ich mich selbst für ganz normal halte.Wie schätzt du die Grappling Szene in Deutschland ein, was hat sich Deiner Meinung nach verändert? Die Grapplingszene in Deutschland ist in den letzten 5 Jahren deutlich gewachsen. Gute 10 Jahre zeitversetzt zu den US und A. Damals waren wir sehr unzufrieden mit dem Angebot an Turnieren und Fortbildungsmöglichkeiten. Wie viele andere arbeite ich seit Jahren an der Verbreitung des Sports durch organisieren von Turnieren, Fortbildungsangeboten und Werbung für Grappling und MMA. Heute bekommt man schon mal Probleme mit dem Zeitmanagement. Dass aber mit steigender Bekanntheit nicht nur die Trainingsbedingungen und die Lobby grösser wird, sondern die Szene auch zwangsweise unpersönlicher wird sehe ich auch mit einem weinenden Auge. In meinen ersten 5-6 Jahren Grappling kannte ich bestimmt 80-90 Prozent der Teilnehmer zumindest vom sehen. Wenn ich jetzt auf ein Turnier gehe kann es passieren, dass ich weniger als die Hälfte kenne. Häufig passiert es mir auch, daß die Leute mich kennen und sie sich aber 2-3 mal bei mir mit Namen vorstellen müssen bis ich sie abgespeichert habe. Weiss nicht ob das am altwerden liegt, oder am gewürgt werden. Ist auf jeden Fall keine Arroganz meinerseits. Ich hoffe, daß der Sport sportlich gesehen so bleibt wie ich ihn liebe. Effektiv, fair, flexibel und innovativ.Keine gravierenden Regeländerungen oder sonstige Verfremdung durch Verbände oder Organisationen die auf einen Zug aufspringen wollen.Wie sieht Dein persönliches Training aus, wer sind Deine Trainingspartner und wie gestaltest Du Dein persönliches Konditions -und Krafttraining? - Wenn es irgendwie geht versuche ich in meinem Unterricht mitzumachen, da ich seit der Gründung meines Teams ausser dem Unterricht kein Training habe. Ich unterrichte derzeit 3 Mal die Woche, Montags BJJ ohne Gi, Mittwochs BJJ mit Gi und Samstags Vale-Tudo. Vor dem No-Gi Training besuche ich das Standup für Vale Tudo bei meinem Partner Joachim Steimle. Mit ihm zusammen leite ich das Vale-Tudo Training. Er ist dort für den Standup-Part und ich für den Grappling-Part zuständig. Ausserdem unterrichte ich ein Mal im Monat das Blaugurtprogramm von Renato Migliaccio. - Ich besuche Seminare und nehme Privatstunden bei Renato. Meine Trainingspartner sind meine Schüler und wenn ich die Gelegenheit habe meine Freunde Mike Cüppers, Marius Maissen, Hans Hutton und Christoph Schadek.Mein persönliches Kraft-und Konditionstraining findet hauptsächlich im Traning statt. Dort machen wir Yoga, Ginastica Natural, Grapple Athletics, Techniktraining, Drills, spezifisches Kämpfen und viel Sparring. Wenn ich Lust habe klettere ich Seile und gehe auch mal joggen.- .Du hast dich kürzlich selbstständig gemacht und lebst nun vom Kampfsport, wie ist es dazu gekommen und wo unterrichtest du alles? - Ich habe mich zum 25.05.2007 als freiberuflicher Lehrer für Kampfsport selbständig gemacht. Nach meiner Ausbildung zum Mechatroniker arbeitete ich 3 Jahre als Instandhalter im Schichtdienst. Der Schichtdienst machte es mir unmöglich ein regelmässig Training zu geben. Wenn ich Mittagschicht hatte konnte ich das Training nicht leiten und brauchte eine Vertretung. Wenn ich Nachtschicht hatte musste ich vor der Nachtschicht Training geben und dann zur Arbeit hetzen. Nach der Nachtschicht am Freitag hiess es am Samstag Mittag um 15 Uhr: Training!- Ich arbeitete jeden 2. Samstag bis 14 Uhr und gab ab 15 Uhr Training. Um weiterhin regelmässig so zu unterrichten wie ich es mir vorstelle gab es für mich keine andere Möglichkeit als den Schritt in die Selbständigkeit. . Ich unterrichte derzeit in Altenheim und Freiburg.-Du hast kürzlich Nachwuchs bekommen, wie verträgt sich das leben als Kampfsportler mit dem Leben als Vater? Ich denke, daß es die größte Aufgabe überhaupt ist Vater oder Mutter zu sein. Ich hätte diese Verantwortung gerne auf später verschoben. Mein Sohn wollte aber nicht warten und jetzt werde ich mein bestes tun und ich bin froh wenn meine Frau und ich das annähernd so gut hinbekommen wie unsere Eltern. Ich hab mir früher des öfteren Gedanken gemacht was ich mal bei meinem Nachwuchs anders machen würde und heute sehe ich erst was man als Eltern leisten muss. Ich hoffe, daß mein Sohn auch Gefallen am Kämpfen findet. Er hat sehr viel Energie und Bewegungstalent. Es würde mich sehr freuen, wenn ich ihn für Kampfsport begeistern kann. Wenn er lieber singen oder tanzen will wäre das zwar schade, aber auch OK wenn es ihm Freude macht. |
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